Das natürliche Mindset und die Idealisierung der interventionslosen Geburt


von Dr. Lisa Hoffmann

Interventionen unter der Geburt sind häufig. Gleichzeitig wird die interventionslose vaginale Geburt idealisiert. Bei Gebärenden kann diese Diskrepanz dazu führen, die eigene Geburtserfahrung negativ zu bewerten und sich selbst zu stigmatisieren. Der Artikel beleuchtet die psychologischen Folgen dieses Spannungsfelds sowie die Rolle des geburtsbezogenen Mindsets und sucht nach Lösungsansätzen.

In Deutschland wurden im Jahr 2023 32,6 Prozent der Kinder per Sectio geboren. Weitere 6,7 Prozent kamen vaginal assistiert zur Welt (Statistisches Bundesamt, 2025). Andere Interventionen werden nicht standardmäßig erfasst, stellen vermutlich jedoch eher die Regel und nicht die Ausnahme dar. Für Gebärende ist es also relativ unwahrscheinlich, eine interventionsarme Geburt zu erleben. Dem entgegen steht die häufige Idealisierung der interventionslosen und vor allem vaginalen Geburt.

Selbststigmatisierung nach interventionsreichen Geburten

Gebärende befinden sich in einem Spannungsverhältnis zwischen Realität und gesellschaftlicher Erwartungshaltung – also zwischen der hohen Wahrscheinlichkeit, unter Geburt interveniert zu werden, und dem allgemeinen Anspruch, möglichst vaginal zu gebären. Kann die Gebärende diese Diskrepanz nicht auflösen, läuft sie Gefahr, sich selbst zu stigmatisieren. Das ist durch die Abwertung der eigenen Person und das Gefühl gekennzeichnet, unter Geburt und damit auch als Mutter versagt zu haben (Hoffmann et al., 2024a). Selbststigmatisierung entwickelt sich aus einem zunächst öffentlichen Stigma (Dovidio et al., 2003), das dann von den betroffenen Individuen übernommen und ins eigene Selbstbild integriert wird.

So kann zum Beispiel das gesellschaftliche Urteil bzw. das öffentliche Stigma, dass Gebärende, die per Sectio entbunden haben, nicht „richtig“ geboren haben, von Personen, deren Geburt mit einer Sectio endete, übernommen werden und zu dem Gefühl führen, sie wären schlechter als jene, die vaginal geboren haben. Begriffe wie die der sogenannten normalen Geburt können dieses Bild gegebenenfalls noch beleben. Eine stärkere Selbststigmatisierung nach interventionsreichen Geburten steht mit einer negativeren Bewertung der Geburt im Zusammenhang (Hoffmann et al., 2024a). Dabei ist nicht klar, ob besonders negative Geburtserlebnisse zu einer höheren Stigmatisierung führen oder ob die Selbststigmatisierung die Ursache dafür ist, dass Geburten negativer bewertet werden. Hierfür ist weitere Forschung notwendig. Was zum aktuellen Zeitpunkt jedoch klar ist: Ein positives Geburtserlebnis ist zentral für das psychische Wohlbefinden nach der Geburt. Eine Selbststigmatisierung nach Geburten, die interveniert wurden, stellt ein persönliches – letztlich aber auch ein gesellschaftliches – Problem dar.

Die Relevanz des Geburtserlebnisses

Eine Vielzahl von Studien weist darauf hin, dass das Geburtserlebnis mit verschiedenen Facetten des kurz- und längerfristigen Wohlbefindens nach der Geburt assoziiert ist. Ein höheres Wohlbefinden im Wochenbett ist unter anderem damit verbunden, wie emotional stabil Mütter (Hoffmann et al., 2023) und Väter (Hoffmann et al., 2024b) sind oder wie gut das Stillen funktioniert (Hoffmann et al., 2023). Auch stehen das Geburtserlebnis und das Wohlbefinden nach der Geburt mit der Bindung zum Kind (DiMatteo et al., 1996; Hoffmann et al., 2023; Seefeld et al., 2021) sowie mit der Entwicklung psychopathologischer Symptome wie einer postpartalen Depression oder einer posttraumatischen Belastungsreaktion (Bell & Andersson, 2016; Garthus-Niegel et al., 2013; Hoffmann et al., 2023) in Zusammenhang. Dass die Geburt für die Gebärende zu einem positiven Erlebnis wird, ist folglich essenziell für das psychische Wohlbefinden der gesamten Familie, und damit ist es eben durchaus problematisch, dass eine erhöhte Selbststigmatisierung mit einer negativeren Bewertung der Geburt assoziiert ist.

„Es ist zentral, Gebärenden ein möglichst positives Geburtserlebnis zu ermöglichen, unabhängig davon, ob interveniert werden muss oder nicht.”

Das Zusammenspiel zwischen Selbststigmatisierung und geburtsbezogenem Mindset

Dass die Entwicklung einer potenziellen Selbststigmatisierung nach der Geburt mit (gesellschaftlichen) Erwartungen zusammenhängt, wie eine Geburt auszusehen hat, verdeutlicht der Befund, dass Personen mit einem eher natürlichen Mindset stärker zur Selbststigmatisierung neigen als Gebärende mit einem eher medizinischen Mindset (Hoffmann et al., 2024a).

Mit „geburtsbezogenem Mindset“ ist gemeint, dass eine Geburt als ein entweder eher natürlicher Vorgang oder ein stärker medizinischer Vorgang wahrgenommen werden kann (Hoffmann & Banse, 2021). Dabei gehen Menschen mit prototypisch medizinischem Mindset davon aus, dass Geburten risikobehaftet sind und daher routinemäßig interveniert werden müssen. Das Legen eines prophylaktischen Zugangs zu Geburtsbeginn oder ein Dauer-CTG zur Überwachung der Wehentätigkeit sind dafür gute Beispiele. Bei Personen mit eher natürlichem Mindset gilt eine Geburt als Vorgang, der von der gebärenden Person in der Regel ohne den Einsatz von Interventionen bewältigt werden kann. Hier liegt zudem ein stärkeres Vertrauen in Hebammen vor als bei Personen mit eher medizinischem Mindset. Darüber hinaus wird die vaginale Geburt der Sectio gegenüber als wertvoller eingestuft.

Welche Vorteile ein natürliches Mindset haben kann

Insbesondere Letzteres macht deutlich, dass es nicht verwunderlich ist, dass Menschen, die ein eher natürliches Mindset haben und zusätzlich zur Selbststigmatisierung neigen, eine interventionsreiche Geburt noch negativer bewerten als Menschen mit eher medizinischem Mindset (Hoffmann et al., 2024a). Im Kontext notwendiger Interventionen bedeutet das konkret, dass Gebärende mit eher natürlichem Mindset besonders darunter leiden. Ein natürliches Mindset hat in diesen Fällen also einen negativen Effekt. Das ist besonders interessant, da Studien auch zeigen, dass ein natürliches Mindset gewisse Vorteile hat. Es lässt sich zum Beispiel nachweisen, dass Personen mit einem eher natürlichem Mindset in der Schwangerschaft mit einer geringeren Wahrscheinlichkeit Interventionen unter Geburt benötigen als Gebärende, die in der Schwangerschaft ein eher medizinisches Mindset hatten (Hoffmann et al., 2023). Diese Studie zeigte auch, dass weniger Interventionen mit einer positiveren Bewertung der Geburt im Zusammenhang stehen, was – wie schon beschrieben – wichtig für die Gebärende ist, um den Übergang in die Elternschaft optimal zu erleben.

Wie Kinder in Deutschland auf die Welt kommen

32.6

Prozent der Kinder wurden im Jahr 2023 per Sectio geboren, weitere 6,7 Prozent kamen vaginal assistiert zur Welt. Andere Interventionen werden nicht standardmäßig erfasst. (Statistisches Bundesamt, 2025).

Welche Risiken ein geburtsbezogenes Mindset birgt

Je nach Ausprägung kann also das geburtsbezogene Mindset dazu führen, dass weniger Interventionen notwendig sind; in diesen Fällen stellt es einen wichtigen psychologischen Schutzfaktor dar. Es kann aber auch ein Risikofaktor für eine erhöhte Selbststigmatisierung und eine negativere Geburtsbewertung sein, nämlich dann, wenn Interventionen notwendig sind. Aus diesem Grund ist es notwendig, eine Brücke in der Betreuung zu schlagen, die es ermöglicht, dass Gebärende vor unnötigen Interventionen geschützt, aber auch nicht abgewertet werden, wenn Interventionen doch durchgeführt werden (müssen) oder von der Gebärenden gewünscht werden. Vor allem ist es aber zentral, Gebärenden ein möglichst positives Geburtserlebnis zu ermöglichen, unabhängig davon, ob interveniert werden muss oder nicht. Versuche, das geburtsbezogene Mindset zu modifizieren, um die Eventualität für Interventionen zu verringern und die Wahrscheinlichkeit für ein positives Geburtserlebnis zu erhöhen, sind zwar als Wunsch verständlich, vermutlich aber wenig förderlich oder ergiebig.

Da es sich bei dem geburtsbezogenen Mindset um einen psychologischen Faktor handelt, wird häufig fast automatisch davon ausgegangen, dass es sich leicht modifizieren lässt. Tatsächlich existieren bisher keine Studien, die sich speziell mit dieser Frage befassen. Vorhandene Daten deuten tendenziell darauf hin, dass es sich bei dem geburtsbezogenen Mindset um einen eher stabilen Faktor handelt (Hoffmann et al., 2023). Darüber hinaus ließe sich ebenfalls darüber diskutieren, ob es überhaupt notwendig ist, das Mindset zu verändern, denn wie oben beschrieben zeigt sich, dass es sowohl positive Effekte (geringere Wahrscheinlichkeit für Interventionen) als auch negative Effekte (höhere Wahrscheinlichkeit für Selbststigmatisierung) haben kann.

Individuelle Bedürfnisse als Kompass für die Geburt

Vielmehr muss es gelingen, Gebärenden ein möglichst positives Geburtserlebnis zu ermöglichen – unabhängig vom geburtsbezogenen Mindset und unabhängig von der Anzahl oder Art der Intervention(en). Dafür ist es notwendig, Menschen in ihren individuellen Bedürfnissen zu begegnen und Geburten danach auszurichten. Die Bedürfnisse von Gebärenden mit natürlicherem Mindset unterscheiden sich jedoch von den Bedürfnissen, die Personen mit eher medizinischem Mindset aufweisen. Während Letztere einen erhöhten Bedarf an medizinischer Sicherheit und Überwachung haben und deswegen auf eine Empfehlung für eine außerklinische Geburt verzichtet werden kann, ist es für Menschen mit eher natürlichen Mindset wichtig, dass ihrem Wunsch nach Interventionsfreiheit möglichst nachgegangen und nicht vorschnell interveniert wird.

Gleichzeitig darf wie bereits erwähnt nicht suggeriert werden, dass eine interventionslose vaginale Geburt besser ist als eine Geburt mit Interventionen oder eine Sectio. Das ist auch als gesellschaftliche Aufgabe zu verstehen. Es wäre wünschenswert, dass sich in der Geburtshilfe ein Klima entwickelt, das nicht die Überlegenheit bestimmter Geburtsmodi predigt und damit ungewollt zur (Selbst-)Stigmatisierung Betroffener beiträgt, sondern die Schaffung positiverer Geburtserlebnisse als zentrales Ziel sieht. Wie kann das gelingen?

„Hilfreich ist ein Bewusstsein dafür, dass es weder gute oder schlechte Geburtsarten noch gute oder schlechte Mindsets gibt.”

Lösungsansätze für positive Geburtserlebnisse

Es gibt Studien, die darauf hinweisen, dass die empfundene Kontrolle über den Geburtsprozess ein wichtiger Faktor für ein positives Geburtserleben ist (Preis et al., 2019). Allgemein stellt das Bedürfnis nach Kontrolle ein zentrales menschliches Motiv dar. Dabei zeigen Studien aus unterschiedlichen Bereichen, dass es in der Regel nicht wichtig ist, wie viel Kontrolle über die Situation tatsächlich vorliegt, sondern vielmehr, wie stark Kontrolle empfunden wird (Burkley & Burkley, 2017).     Im Geburtskontext lässt sich das Bedürfnis nach Kontrolle unter anderem durch eine geeignete Kommunikation befriedigen. Interventionen müssen nicht um jeden Preis vermieden werden; Hebammen und Gynäkolog:innen sollten sie aber sowohl ankündigen als auch erklären und die Einwilligung der Gebärenden einholen. Findet das so nicht statt, wird es von den Betroffenen teilweise als gewaltsam empfunden (Hoffmann et al., 2024c). Ähnliches gilt auch, wenn Druck aufgebaut wird, um Dinge durchzusetzen. Bei einer wertfreien, weichen und gleichzeitig sachlichen Kommunikation, die das Vorgehen angemessen erläutert, ist übrigens nicht davon auszugehen, dass Druck notwendig ist, um eine Kooperation zu erreichen.

Evidenzbasiertes Handeln als Grundlage

Wichtig ist auch, dass Hebammen und Gynäkolog:innen eine Haltung in der Beratung entwickeln, in der ihre eigenen Mindset-bezogenen Präferenzen keine Rolle spielen, sondern dass ihr Vorgehen vielmehr evidenzbasiert ist. Hilfreich ist das Bewusstsein dafür, dass es weder gute oder schlechte Geburtsarten noch gute oder schlechte Mindsets gibt. Darüber hinaus stellt Wissen, auch über psychologische Aspekte, eine wichtige Ressource dar, um positive Geburtserlebnisse zu ermöglichen. Kennt eine geburtshelfende Person die Empirie und weiß, dass nicht der Geburtsmodus mit dem Stillerfolg oder der Bindung in Zusammenhang steht, sondern dass vielmehr das Geburtserlebnis die zentrale Variable darstellt (Hoffmann et al., 2023), kann dies dazu führen, dem Geburtsmodus nicht zu viel Gewicht beizumessen und dadurch versehentlich Druck aufzubauen.

Vielmehr ermöglicht dieses Wissen den jeweiligen Geburtshelfenden, sich auf den wesentlichen Aspekt des Geburtsprozesses zu konzentrieren: die Schaffung eines möglichst positiven Erlebnisses als Ausgangspunkt für einen gelungenen Übergang zur Elternschaft. Hebammen nehmen hier eine zentrale Stellung ein und können durch ihre Arbeit zu positiven Geburtserfahrungen für Gebärende beitragen.

Fotocredit: Anni Beier

Autorin Dr. Lisa Hoffmann

Die Psychologin ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Hebammenwissenschaft der Medizinischen Fakultät der Universität Bonn. Sie leitet dort den Lernbereich Gesundheits-, Sozialwissenschaften und Psychologie. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich Geburt, Sexualität und Stigmatisierung.

Referenzen und Quellenangaben

Bell, A. F., & Andersson, E. (2016). The birth experience and women’s postnatal depression: A systematic review. Midwifery, 39, S. 112–123, DOI: https://doi.org/10.1016/j.midw.2016.04.014

Burkley, E., & Burkley, M. (2017). Motivation Science. Pearson.

DiMatteo, M. R., Morton, S. C., Lepper, H. S., et al. (1996). Cesarean childbirth and psychosocial outcomes: A meta-analysis. Health Psychology, 15(4), S. 303–314, DOI: https://doi.org/10.1037/0278-6133.15.4.303

Dovidio, J. F., Major, B., & Crocker, J. (2003). Stigma: Introduction and overview. In: Heatherton, T. F., et al. (Hrsg.), The Social Psychology of Stigma. Guilford Press, S. 1–28

Garthus-Niegel, S., Soest, T. von, Vollrath, M. E., et al. (2013). The impact of subjective birth experiences on post-traumatic stress symptoms: a longitudinal study. Archives of Women’s Mental Health, 16(1), S. 1–10, DOI: https://doi.org/10.1007/s00737-012-0301-3

Hoffmann, L. & Banse, R. (2021). Psychological aspects of childbirth: Evidence for a birth‐related mindset. European Journal of Social Psychology, 51(1), S. 124–151, DOI: https://doi.org/10.1002/ejsp.2719

Hoffmann, L., Hilger, N., & Banse, R. (2023). The mindset of birth predicts birth outcomes: Evidence from a prospective longitudinal study. European Journal of Social Psychology, 53(5), S. 857–871, DOI: https://doi.org/10.1002/ejsp.2940

Hoffmann, L., Berner, E., & Hilger, N. (2024a). “Too Posh to Push?” Self-Stigmatization in Childbirth. Social Psychological Bulletin, 19, S. 1–24, DOI: https://doi.org/10.32872/spb.13073

Hoffmann, L., Hilger, N., & Banse, R. (2024b). Men, mindsets and birth: results of a prospective longitudinal study. Journal of Reproductive and Infant Psychology, 43(4), S. 1024–1035, DOI: https://doi.org/10.1080/02646838.2024.2309374

Hoffmann, L., Berner, E., & Imhoff, R. (2024c). Happy Birth-day? Perceptions of obstetric violence and their implications for well-being. [Manuskript eingereicht.]

Preis, H., Lobel, M., & Benyamini, Y. (2019). Between Expectancy and Experience: Testing a Model of Childbirth Satisfaction. Psychology of Women Quarterly, 43(1), S. 105–117, DOI: https://doi.org/10.1177/0361684318779537

Seefeld, L., Weise, V., Kopp, M., et al. (2021). Birth Experience Mediates the Association Between Fear of Childbirth and Mother-Child-Bonding Up to 14 Months Postpartum: Findings From the Prospective Cohort Study DREAM. Frontiers in Psychiatry, 12, 776922, DOI: https://doi.org/10.3389/fpsyt.2021.776922

Statistisches Bundesamt. (2025). Fast ein Drittel aller Geburten im Jahr 2023 durch Kaiserschnitt [Pressemitteilung 5.5.2025]. Online: https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2025/05/PD25_N024_23.html