Kaiserschnitt – Ein ZeitZeichen? 14. WELEDA Fachtagung für Hebammen erhält starke Resonanz
29.10.2006
Warum ist die Kaiserschnittrate in den letzten Jahren sprunghaft angestiegen? Welche Folgen hat eine Kaiserschnittgeburt für Mutter und Kind, aber auch für die Beziehung eines Elternpaares? Und welche Alternativen gibt es? Mit diesen und anderen Fragen rund um das Thema Kaiserschnitt setzten sich rund 900 Hebammen am 28. und 29. Oktober auf der Weleda Fachtagung für Hebammen in Schwäbisch Gmünd auseinander. Fachlicher Höhepunkt der Veranstaltung war der Vortrag von Geburtshelfer Michel Odent, ein Pionier der sanften Geburt. Daneben stellte Beate Switala, Preisträgerin des ersten Weleda Hebammen-Forschungspreises zum Thema „Die Hebamme zwischen ganzheitlicher Betreuung, Helfersyndrom und Burnout“, erste Ergebnisse ihrer Arbeit vor.
Die Kaiserschnittrate ist in den letzten Jahren stark angestiegen. Mittlerweile kommt jedes vierte Kind in Deutschland per Sectio caesarea zur Welt. Die Gründe dafür sind so vielschichtig wie die Auswirkungen, mit denen sich neben Hebammen auch immer weitere Berufsgruppen befassen.
Kaiserschnitt auf Wunsch?
Zum Einstieg ins Thema stellte Professor Dr. phil. Petra Kolip vom Institut für Public Health und Pflegeforschung der Universität Bremen die Ergebnisse einer aktuellen Studie in Kooperation mit der Gmünder Ersatzkasse (GEK) vor. 1339 Frauen, die per Kaiserschnitt entbunden hatten, wurden befragt und konnten zu ihren Erfahrungen Stellung nehmen. „Der starke Rücklauf der Fragebögen und die ausführliche Beantwortung zeigte uns, dass es einen unheimlich großen Bedarf bei den Frauen gibt, darüber zu reden“, erklärte Kolip. Viele der betroffenen Mütter glaubten zudem, dass weniger Frauen mit Kaiserschnitt entbinden würden, wenn die Betreuung unter der Geburt, zum Beispiel durch eine Hebamme, besser wäre. Auch die Folgen eines Kaiserschnitts würden häufig unterschätzt. „Der Anteil der Frauen, die bereits vor der Schwangerschaft oder Geburt einen Kaiserschnitt wünscht, ist mit etwa 2 Prozent eine Minderheit“, erklärte Kolip und führte damit vor Augen, dass die meisten Frauen ihr Kind auf natürliche Weise zur Welt bringen möchten.
Geschlechterspezifische Unterschiede - Die Geburt für Frau und Mann
Auf die unterschiedliche Bedeutung und die emotionalen Folgen einer Kaiserschnitt-Geburt ging die Diplom-Psychologin, Paar- und Familientherapeutin Christiane Windhausen ein: „Während der Mann den Eingriff als sicher und kontrolliert erlebt, der der Frau die Schmerzen nimmt und Leben rettet, hadern die Frauen mit sich und haben das Gefühl, versagt zu haben – auch wenn ihr Kind gesund ist.“ Wird die traumatische Erfahrung nicht in die Beziehung integriert, wirkt sie sich später negativ auf die Partnerschaft und die Beziehung zum Kind aus. Für das Paar sei es daher wesentlich, über die unterschiedlich erlebte Geburt zu sprechen, um wieder miteinander in Kontakt zu kommen und das Trauma zu verarbeiten.
Geburt als Spiegel der eigenen Lebensgeschichte
Dass häufig auch die eigene (Geburts-) Geschichte eine Rolle für eine werdende Mutter spielt, machte die Düsseldorfer Ärztin Katrin Mikolitch deutlich: “In der Aufarbeitung der Geburt tauchen häufig Zusammenhänge auf, die vorher nicht oder kaum bewusst waren: Zum Beispiel, dass man selbst ein „Kaiserschnittkind“ ist.“ Gleichzeitig berge jede traumatische Erfahrung eine große Chance, daraus Potenziale und neue Fähigkeiten zu entwickeln. „Das Erleben der erfahrenen Geschichte kann sich wandeln und etwas sehr Erfüllendes aus dem Hadern mit dem „Warum gerade ich?“ entwickeln“, so Mikolitch. Neben der Auseinandersetzung mit der eigenen Biographie gab die Ärztin Anleitung und zahlreiche praktische Tipps zur Verarbeitung der psychischen und körperlichen Folgen eines Kaiserschnitts.
Angstbewältigung als Vorbereitung zur Geburt
Für eine stärkere Unterstützung der Frauen während der Schwangerschaft plädierte die Hebamme Viresha Julia Bloemeke. Die Körper- und Traumatherapeutin zeigte anhand von Körperübungen, wie Schwangere auf das Geburtserlebnis vorbereitet werden können, so dass ihr Selbstvertrauen gestärkt wird und sie die Geburt aktiv mitgestalten können: „Dabei ist weniger bedeutsam, was eine Frau für sich entscheidet, sondern mit welcher Motivation und mit welcher Haltung sie ihren Weg gehen kann und dabei begleitet wird.“
Kann die Menschheit den „sicheren Kaiserschnitt“ überleben?
Einen fachlichen Höhepunkt der Veranstaltung bildete der Vortrag von Michel Odent. Der Geburtshelfer ist seit mehr als 50 Jahren in diesem Bereich tätig und gilt als Koryphäe seines Fachs. Eindrucksvoll erklärte der Pionier der sanften Geburt die biologischen Vorgänge im Körper der Frau, die einen Geburtsvorgang fördern bzw. behindern können. Zentral sei es daher, für die werdenden Mütter einen schützenden, warmen Ort zu sorgen, um Komplikationen bei der Geburt zu vermeiden.
Ergebnisse des Hebammenforschungspreises
Die Hebamme zwischen ganzheitlicher Betreuung, Helfersyndrom und Burnout – so lautete der Titel der Forschungsarbeit von Beate Switalla, die vergangenes Jahr den mit 15.000 Euro dotierten ersten Weleda Hebammen-Forschungspreis erhielt. Als ersten Ausblick auf die Ergebnis ihrer Arbeit zeichnete sich ab, dass es vor allem engagierte und starke Menschen sind, die Gefahr laufen, ein Burn-out-Syndrom zu erleben: „Nur wer gebrannt hat, kann ausbrennen“, so Switala. Das Erlernen von Strategien zur Abgrenzung und zur Selbstregulation sollte daher bereits in die Ausbildung der Hebammen eingebunden werden, um chronische Ermüdungs- und Erschöpfungszustände erst gar nicht aufkommen zu lassen.
Für den unterhaltsamen Teil sorgte die Lachtrainerin Anne Rauch, die die Teilnehmer vor den Vorträgen mit Lach-Übungen aufmunterte und in Schwung brachte. Musikalischer Höhepunkt war das Programm „Was meine Kinder im Mutterleib hörten“ des Percussionisten Nebojsa Jovan Zivkovic auf der Marimba, selbst vierfacher Vater und Ehemann einer Hebamme.
Stimmen der Teilnehmer
Mehrfach bedankten sich die Teilnehmer im Anschluss an die Vorträge für die Veranstaltung: „Hochkarätig besetzt, kompetente Referenten – ich werde wiederkommen“, erklärte eine der Hebammen. „Sehr gut und professionell organisiert“, meinte eine andere. Vielfach gelobt wurde auch die gute Moderation von Birgit Laue, Medical Relations Managerin für den Fachbereich Hebammen der Weleda AG und Organisatorin der Fachtagung. Mit rund 900 Teilnehmern zählt die Weleda Hebammen-Fachtagung inzwischen zu einer der größten in Deutschland.