Was kann die Misteltherapie in der Krebsmedizin leisten?
24.10.2005
Die Behandlung mit Mistelextrakten ist ein fester Bestandteil der Krebstherapie. Mistelpräparate werden seit über 85 Jahren in der Krebsmedizin eingesetzt, ge-hören heute zu den am meisten verordneten Krebsarzneimitteln überhaupt und sind damit zu einer biologischen Standardtherapie geworden.
Obwohl Mistelpräparate in der Behandlung von Krebserkrankungen eine lange Traditi-on aufweisen und zu den am besten erforschten Arzneimitteln zählen, gibt es immer wieder kontroverse Diskussionen zur Wirksamkeit und Sicherheit von Mistelextrakten. Mistelpräparate werden in der Onkologie meist in Kombination mit schulmedizinischen Therapieverfahren wie Operation, Bestrahlung, Chemo- und/oder Hormontherapie ein-gesetzt. Sie dienen in erster Linie nicht der direkten Tumorhemmung und Tumorreduk-tion, sondern der Verbesserung der Lebensqualität, Verminderung tumorbedingter Be-schwerden sowie der Reduktion der durch die Chemo- oder Strahlentherapie bedingten Nebenwirkungen. Patienten berichten außerdem über ein besseres Allgemeinbefinden: Sie haben wieder Appetit, verspüren ein besseres Leistungsvermögen und nehmen oftmals wieder an Gewicht zu (2, 3, 4).
Mistelinhaltsstoffe und ihre Wirkung
Mistelextrakte weisen komplexe, systemübergreifende Wirkungen auf. So wird das Immunsystem stimuliert, die Tumorzelltoxizität vermindert, die Psyche positiv beein-flusst sowie die Erbsubstanz geschützt. Mistelextrakte enthalten viele verschiedene biologisch aktive Substanzen, darunter Glykoproteine, vor allem die Mistellektine I, II und III (ML-I, ML-II, ML-III), sowie Polypeptide (z.B. Viscotoxine), Peptide, Oligo- und Polysaccharide. Darüber hinaus enthalten Mistelextrakte zahllose Enzyme, schwefelreiche Verbindungen, Fette, Pflanzenfarbstoffe (Flavonoide) sowie eine Vielzahl anderer Eiweißverbindungen. Mistellektine und Viscotoxine wirken zytotoxisch und immunmodulierend. Zahlreiche Untersuchungen in der Zellkultur konnten zeigen, dass diese Wirkung bei den Mistellektinen auf der Hemmung der ribosomalen Proteinsynthese und der Induktion der Apoptose (natürlicher Zelltod) beruht, während die Viscotoxine die Zellmembran auflösen und somit zytolytisch wirken. Die immunmodulierende Wirkung besteht in einer Erhöhung von Anzahl und Aktivität der Natürlichen Killer-Zellen (NK-Zellen) sowie in einem Anstieg der Phagozytoseaktivität der Granulozyten. Die stimmungsaufhellende und schmerzreduzierende Wirkung ist durch eine auf den Mistelextrakt zurückzuführende vermehrte Ausschüttung von beta-Endorphinen (Morphium-ähnliche Substanzen) zurückzuführen (4).
Anwendung
Mistelextrakte werden in der Regel zwei- bis dreimal wöchentlich subkutan, das heißt unter die Haut gespritzt, meist in die Bauchfalte oder die Haut am Oberschenkel bzw. in Tumornähe. Die Misteltherapie kann mit allen üblichen Krebstherapien kombiniert wer-den, die Injektionen können nach kurzer Einweisung durch den Arzt in der Regel vom Patienten selbst durchgeführt werden.
Nach der Injektion kann es zu folgenden erwünschten Reaktionen kommen, mit denen der Organismus zeigt, dass das Immunsystem aktiviert wurde:
- Die Haut um die Einstichstelle rötet sich (maximal 5 cm Durchmesser)
- Die Haut kann etwas anschwellen und sich erwärmen
- Die Körpertemperatur kann ansteigen bis hin zur leichten Fieberbildung (bis 38°C)
Die Misteltherapie sollte so früh wie möglich begonnen werden, also bereits vor einer Operation, Chemo- und/oder Strahlentherapie und stellt eine Langzeitbehandlung dar. So werden die besten Erfolge erzielt, wenn Brustkrebspatientinnen die Therapie über mindestens 3 Jahre und Patienten mit schwarzem Hautkrebs über mindestens 2 Jahre erhalten (1, 2).
Klinische Studien
Zurzeit liegen über 90 klinische Studien zur Anwendung von Mistelextrakten bei ver-schiedenen Tumorarten vor. Mistelpräparate sind somit die am besten und umfang-reichsten untersuchten Arzneimittel in der komplementären Krebstherapie. Da die Me-thodik der Studien aber sehr uneinheitlich ist, wird die klinische Wirksamkeit von Mistel-präparaten immer wieder kontrovers diskutiert und wer ausschließlich doppelblinde randomisiert kontrollierte Studien mit hoher Fallzahl als Beweis akzeptiert, wird auch weiterhin auf viele Fragen keine ausreichenden Antworten erhalten. Wer jedoch sorgfäl-tig durchgeführte andere Studientypen wie mittelgroße und kleinere randomisierte kon-trollierte Prüfungen, sorgfältig kontrollierte vergleichende nicht randomisierte Studien oder Kohortenstudien akzeptiert, kann ein großes Spektrum an wichtigen klinischen Beobachtungen finden (3, 4).
Im Ergebnis zeigen die meisten der bisher durchgeführten Studien einen Vorteil für die Misteltherapie. Am besten belegt sind hierbei die Reduktion der Nebenwirkungen kon-ventioneller Therapien wie Operation, Chemo- und Strahlentherapie und eine Verbes-serung der Lebensqualität. Teilweise kann auch das Auftreten von Metastasen verzö-gert sowie die Überlebenszeit verlängert werden (2, 3).
In einer kürzlich von Bock et al. erschienenen Studie konnte die Sicherheit und Wirk-samkeit von einem Mistelextrakt bei Patientinnen mit Brustkrebs belegt werden. Vergli-chen wurden die Krankendaten von Frauen mit Brustkrebs, die nach der Operation aus-schließlich eine onkologische Basisbehandlung erhielten, mit den Daten von Patientin-nen, die zusätzlich den Mistelextrakt Iscador spritzten. Die Frauen in der Mistel-Gruppe zeigten im Vergleich zur Kontrollgruppe deutlich weniger durch die herkömmlichen The-rapien (Strahlen-, Chemo- oder Hormontherapie) bedingte Nebenwirkungen und eine längere Überlebenszeit.
Aktuelle Studienergebnisse Augustin et al. zeigen, dass eine Misteltherapie auch bei schwarzem Hautkrebs als sicher und wirksam angesehen werden kann. Weiterhin konnte ein deutlicher Überlebensvorteil für die mit dem Mistelextrakt behandelten Pati-enten festgestellt werden. Die Therapie wurde allgemein gut vertragen, starke Neben-wirkungen oder eine Verstärkung des Tumorwachstums wurden nicht beobachtet. Auch gab es keine Hinweise auf ein vermehrtes Auftreten von Hirnmetastasen oder anderen Metastasen in der Mistelgruppe.
Uneingeschränkte Erstattungsfähigkeit
Alle anthroposophischen Mistelpräparate sind in jedem Krankheitsstadium zu Lasten der GKV erstattungsfähig. Anthroposophische Mistelpräparate können also schon un-mittelbar nach der Diagnosestellung und für den gesamten Krankheitsverlauf verordnet werden. Die entstehenden Kosten werden von der jeweiligen gesetzlichen Krankenkas-se übernommen. Dies wurde am 1. März 2005 auch vom Sozialgericht Düsseldorf in einem Hauptsacheverfahren entschieden. Eine an Krebs erkrankte Patientin hatte ihre Krankenkasse verklagt, da sie die Kosten für ihre Misteltherapie nicht erstatten wollte. Ihre Ablehnung der Kostenübernahme hat die Krankenkasse damit begründet, dass Mistelpräparate nur in der „palliativen“ Krebstherapie erstattungsfähig seien, das heißt, wenn die Krankheit bereits fortgeschritten ist und sich bereits Metastasen gebildet ha-ben, nicht aber schon vorher, also unmittelbar nach Diagnosestellung. Eine solche Ein-schränkung auf die palliative Therapie, so entschied das Sozialgericht, gilt aber nur für phytotherapeutische und nicht für anthroposophische Mistelpräparate, die in vollem Umfang während des gesamten Krankheitsverlaufs vorordnungs- und somit erstat-tungsfähig sind.
Literatur
- zu 1) Augustin M et al.: Sicherheit und Wirksamkeit der komplementären Langzeitbe-handlung von primären malignen Melanomen mit mittlerem bis hohem Risiko (U-ICC/AJCC-Stadium II und III) mittels standardisiertem fermentierten Mistelextrakt (Viscum album L.). Arzneim.-Forsch./Drug Res. 55 (1), 38-49 (2005)
- zu 2) Bock et al.: Wirksamkeit und Sicherheit der komplementären Langzeitbehandlung mit einem standardisierten Extrakt aus Europäischer Mistel (Viscum Album L.) zu-sätzlich zur konventionellen adjuvanten onkologischen Therapie bei primärem, nicht metastasierendem Mammakarzinom. Arzneim.-Forsch./Drug Res. 54 (8), 456-466 (2004)
- zu 3) Kienle GS et al.: Mistletoe in cancer – a systematic review on controlled clinical trials. Eur. J. Med. Res. 8, 109-119 (2003)
- zu 4) Kienle GS und Kiene H: Die Mistel in der Onkologie. Schattauer Verlag, Stuttgart (2003)
Wenn Sie weitere Informationsmaterialien zur Misteltherapie wie z. B. die Broschüre „Informationen für Krebspatienten – Schwerpunkt Misteltherapie“ oder „Eine Chance mehr bei Krebs“ wünschen, können Sie diese kostenlos über die Website
www.einechancemehrbeikrebs.de oder unter der Telefonnummer 01805/935332 bestellen.