Mit dem Thema „Das unruhige Kind" brachte die elfte WELEDA Fachtagung für Hebammen am 25. und 26. Oktober in Schwäbisch Gmünd ein hochaktuelles Thema zur Diskussion. Das Fazit lebendiger Referate und engagierter Gespräche von 600 Teilnehmern gibt Hoffnung: Medikamente, die in den Hirnstoffwechsel eingreifen, sind meist nicht notwendig. Eltern mit Mut zu „Eigen-Sinn" und „Lange-Weile" können die Signale ihrer Kinder verstehen und angemessen darauf reagieren. Denn sie vermitteln Sicherheit und lassen sich und ihren Babys Zeit.
Die gute Nachricht vorneweg: es gibt tatsächlich Wege, die Ausbildung quälender Unruhe und Aufmerksamkeitsstörungen bei Kindern vielleicht zu verhindern. Auch sogenannte Schreibabys kann man mit Feingefühl wieder in erholsame Ruhe bringen. Es gibt viele Methoden, die alle eins gemein haben: die vertrauensvolle Wahrnehmung der eigenen Gefühle und den liebevollen, konsequenten Umgang mit dem Kind.
Um Umgangsformen, Vorbeugung und mögliche Ursachen des Phänomens „Schreikind" ging es bei der WELEDA Tagung, die damit erstmals ein pädagogisches Thema aufgriff. Fünf spannende Referate von zum Teil selbst betroffenen Fachleuten zeigten den 600 teilnehmenden Hebammen Wege auf, während Schwangerschaft und Säuglingszeit mit den jungen Familien an Voraussetzungen für eine unbeschwerte Kindheit zu arbeiten. Denn Hebammen als Begleiterinnen dieser Zeit sind prädestiniert, seelische Nöte zu erkennen und beratend zu helfen.
„Die originäre Hebammenaufgabe heißt Berührung, sowohl im Physischen als auch im Seelisch-Geistigen", machte Birgit Laue, selbst Hebamme und Organisatorin der Veranstaltung, klar. „Das Ich lebt in der Wärme, deshalb braucht ein Kind eine wärmende, liebevolle Umhüllung." Für viele ist es nicht einfach, in Zeiten der Informationsüberflutung ihr sicheres Gefühl für den richtigen Umgang mit ihrem Kind zu erkennen. Denn Schwangerschaft und Säuglingszeit sind heute zwar durch zahlreiche Vorsorgeuntersuchungen „scheckheftgeprüft". Trotzdem gibt es immer mehr Verhaltensauffälligkeiten.
Wieviel Unruhe darf denn sein? Was ist „normal"? Wann ist ein Baby ein „Schreikind"? Margarita Klein, Familientherapeutin und Buchautorin, macht individuelle Unterschiede deutlich. Zum Problem wird erst, was die Beteiligten nicht mehr aushalten können. Am Beispiel des Salutogenesekonzeptes, der Überlegung, wie Gesundheit entsteht, zeigt sie Schritte aus der Misere. Kinder geben mit ihrem Verhalten Hinweise auf das, was nicht stimmt. Eltern müssen lernen, die Botschaft zu erkennen, und dem Kind die Sicherheit vermitteln, dass sie die Situation meistern können. Solch’ einen soliden Eigensinn muss man manchmal erst entwickeln. Was hilft dem Baby? Aufmerksamkeit, Berührung, Gespräche, Rhythmus und Rituale. So lernt es, sich selbst zu spüren und kann eine Basisidentität entwickeln.
Das Vertrauen auf die innere Wahrnehmung stand für alle Referenten im Vordergrund. „Tun Sie, was Sie im Herzen haben, in die Hände, und es ist richtig" lehnt Kinderärztin Dr. Nicola Fels beispielsweise eine Anleitung für Babymassagen ab und macht Mut, dem eigenen Gefühl zu trauen. Den Kreislauf der empfindsamen Schreibabys, die durch langes Herumgetragenwerden zu viele Eindrücke verarbeiten müssen, zu früh aufrecht stehen wollen, wichtige Entwicklungsschritte versäumen und dadurch immer unruhiger werden, beschreibt sich spannend und nachvollziehbar.
Die schwierige Balance zwischen Verwöhn- und Vernachlässigungskultur zeigte auch Kinderarzt Dr. Christoph Meinecke auf. Eltern bieten ihren Säuglingen häufig wohlmeinend zu früh und zu viele Sinnesanregungen und sorgen so bei sich und dem Kind für Stress. Sinnvoller ist es, „Lange-Weile" zu haben und natürliche Sinneswahrnehmungen wie das selbständige Entdecken der Händchen ohne Ablenkung zu ermöglichen.
Wie Eltern lernen, die Signale ihres Kindes zu verstehen und es durch angemessene Reaktion in einen gesunden Schlafrhythmus zu bringen, demonstrierte die Psychologin Renate Barth mit eindrucksvollen Video-Mitschnitten aus ihrer „Baby-Lesestunde". Dort geht es nicht etwa um Literatur, ge-lesen wird das Verhalten von Babys (und Eltern).
Die Zusammenführung von Körper, Geist und Seele ist für die Familientherapeutin Irmgard Emmerling wichtigster Behandlungsbestandteil, wenn sie Kinder mit Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom (ADS) betreut. Ihre Schilderungen der Zusammenhänge zwischen Schwangerschaft, Geburt und Verhaltensauffälligkeiten berührten zutiefst und betonten die vorbeugende Wirkung kompetenter Hebammenarbeit.
„Kostbare Ergebnisse" wünschte Birgit Laue den Teilnehmerinnen abschließend. Kein Zweifel: ein Wochenende voller Aufmerksamkeit, Spannung und Erkenntnis liegt hinter ihnen. Die Inhalte werden durch ihre Arbeit Früchte tragen.
Die WELEDA Fachtagung für Hebammen 2004 findet am letzten Oktober-Wochenende statt.